Cover: Jeder Mensch ist ein Mystiker (Abraham H. Maslow)

Abraham H. Maslow
Jeder Mensch ist ein Mystiker
Impulse zur seelischen Ganzwerdung

Einführung von David Steindl-Rast
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Erhard Doubrawa

Aus dem Amerikanischen von Karola Tembrins


Dieser Klassiker der Humanistischen Psychologie beschäftigt sich mit dem Phänomen der psychischen Gesundheit.
"Wir haben in der Psychologie lange Zeit psychische Störungen untersucht. Warum untersuchen wir nicht besonders gesunde Menschen und sehen, ob uns das hilft, seelisch gesünder zu werden?"
Als Maslow begann, solche Personen zu untersuchen, fiel ihm auf, dass sie häufig von mystischen Erlebnissen berichteten, von Momenten intensivsten Glücks, in denen das Gefühl des Getrenntseins von der Welt aufgehoben war. Maslow entwickelt aus seinen Erkenntnissen ein Plädoyer für eine spirituell-transzendente Dimension in der Psychologie und Psychotherapie.
Mit einer Einführung von Bruder David Steindl-Rast.

Edition GIK Gestalt-Institute Köln und Kassel
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2014
196 Seiten, Paperback,17,90 Euro

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Inhalt des Buches

David Steind-Rast
Zur Einführung (Leseprobe 1) 7

Abraham H. Maslow
Was Gipfelerlebnisse uns lehren(1961) 15

Abraham H. Maslow
Religionen, Werte und Gipfelerlebnisse(1964)
Vorwort zur Neuausgabe 1970 39
I Einleitung 53
II Einseitige Wissenschaft und einseitige Religion 61
III Die »im Kern« religiöse oder transzendente Erfahrung 70
IV Organisatorische Gefahren für transzendente Erfahrungen 81
V Hoffnung, Skeptik und die höhere Natur des Menschen 87
VI Wissenschaft und die religiösen Liberalen sowie die Nicht-Theisten 92
VII Werte freie Bildung? 101
VIII Beschluss 107

Anhänge
A Religiöse Aspekte der Gipfelerlebnisse 113
B Die dritte Psychologie 123
C Ethnozentrismus in der Formulierung der Gipfelerlebnisse 127
D Wie verlässlich ist das in Gipfelerlebnissen erlangte Wissen? 129
E Vorwort zu »New Knowledge in Human Values« 137
F Rhapsodische, isomorphe Kommunikation 139
G S-Werte als Beschreibung der Wahrnehmung während Gipfelerlebnissen 146
H Natürliche Gründe, bei guten Bedingungen Werte des Wachstums denen der Regression vorzuziehen 152
I Beispiel einer S-Analyse 159
Literatur 173

Erhard Doubrawa
Nachwort des Herausgebers (Leseprobe 2) 181

 

Leseprobe 1
David Steindl-Rast
Zur Einführung

Weltbewegende Bücher sind selten dicke Schmöcker. Von Platon bis Einstein sind es oft nur dünne Bändchen. Ihr äußerer Umfang verrät nicht ihr inneres Gewicht. Auch das schlanke Büchlein, das Sie in Händen halten, enthält mehr geistigen Explosionsstoff als ganze Bibliotheken. Es hat mit einem Schlag eine bisher ungeahnte, innige Verknüpfung zwischen Wissenschaft und Religion aufgedeckt. Und doch waren diese umwälzenden Einsichten Abraham Maslows bisher niemandem in deutscher Sprache zugänglich. Großer Dank gebührt daher Erhard Doubrawa sowie dem Peter Hammer Verlag für diese erste deutsche Ausgabe. Sie ist ein gewichtiger, längst fälliger Kulturbeitrag.

Maslow drehte in der Mitte des 20. Jahrhunderts die bis dahin übliche Fragestellung der Psychotherapie völlig um. Er fragte nicht mehr, »Was macht Menschen psychisch krank?« sondern, »Was zeichnet psychisch besonders gesunde Menschen aus?« Dadurch stieß er auf eine ganz überraschende und für ihn selber als Agnostiker kaum akzeptable Tatsache: Psychisch besonders gesunde Menschen tendierten zu »mystischen Erfahrungen«. Wie die meisten seiner Kollegen, hatte Maslow solche Erlebnisse als»pathologisch«klassifiziert; jetztwurde ihm bewusst, dass sie zum innersten Wesen gesunden Menschseins gehören. Damit löste sich die bisher streng gezogene Trennungslinie zwischen Wissenschaft und Religion in nichts auf: Religion würde von nun an anerkennen müssen, dass ihre Grunderfahrungen wissenschaftlich untersuchbar seien, und Wissenschaft war mit einem Bereich konfrontiert, der über das Materielle hinausreicht. Die Folgen dieser Entdeckung sind auch heute, ein halbes Jahrhundert später, noch kaum absehbar.

Weil Maslow ein ehrlicher und wagemutiger Wissenschaftler war, verschloss er sich seiner Entdeckung nicht, obwohl sie den Rahmen der vorhandenen Wissensstruktur sprengte. Er forschte kühn und nüchtern weiter. Dabei fand er nach und nach eine zweite überraschende Tatsache: Soweit man in der Psychologie verallgemeinern kann, darf man sagen: Überwältigend viele - vielleicht alle - Menschen machen solche mystischen Erfahrungen. Er nannte sie jetzt »Gipfelerlebnisse«, um die akademische Welt nicht durch einen religiös tönenden Begriff vor den Kopf zu stoßen, bestand aber darauf, dass es sich dabei um das handelt, was traditionell »Mystik« heisst, also um eine Ergriffenheit, die tiefere Einsicht schenkt als ein begriffliches Begreifen. Dies ist von entscheidender Bedeutung für ein Verständnis dessen, was es heisst Mensch zu sein. Es will ja sagen: Mystiker sind nicht einzigartige Menschen, sondern jeder Mensch ist ein einzigartiger Mystiker.

Je klarer wir dies einsehen und danach leben, desto psychisch gesünder - lebendiger, schöpferischer, selbstsicherer und gelassener - können wir werden. Freilich kann man Gipfelerlebnisse nicht willentlich erzeugen. Sie sind immer ein überraschendes Geschenk. Aber wir können uns durch innere Offenheit vorbereiten und das Bewusstsein der Allzugehörigkeit, das uns am Gipfel geschenkt wird, dankbar in unseren Alltag einfliessen lassen. Wer dies tut, wird im täglichen Leben anders - behutsamer, herzlicher - mit Menschen, Tieren, Pflanzen und Dingen umgehen und einfach glücklicher sein durch Ausrichtung auf echte, bleibende Werte.

Wohl die wichtigste Entdeckung Maslows entspringt nämlich einem weiteren Schritt seiner Forschung: Er deckte den Zusammenhang zwischen Gipfelerlebnis und der Erfahrung von Werten auf. Wertverlust ist, wie Maslow feststellte, unsere erschreckendste Zeiterkrankung, gefährlicher als je zuvor eine Verfallserscheinung in der Menschheitsgeschichte es war. In Gipfelerlebnissen aber werden uns »Seinswerte«, wie Maslow sie nennt, ganz spontan bewusst. Er schreibt: »Auf den Gipfeln wird die Natur des Seins oft nackt und bloß wahrgenommen; die ewigen Werte scheinen dann Eigenschaften der Wirklichkeit selbst zu sein.«Als seien wir plötzlich mit neuen Augen erwacht, sehen wir einen Augenblick lang alles, was es gibt, als ein einziges, wahres, schönes, gutes, unendlich wertvolles Geschenk, das uns mit der Freude überwältigender Dankbarkeit erfüllt. Und alle Kennzeichen des Seins, die uns da aufleuchten - Einheit, Wahrheit, Schönheit, Gutsein - leuchten uns zugleich als grundlegende, unleugbare, allgemeingültige Werte ein. In jenen Augenblicken, in denen wir ja eigentlich jede Bewertung fallen lassen, werden wir staunend gewahr: Die Seins-Struktur der Welt ist zugleich ihre innerste Wert-Struktur. »Oder« (so Maslow) »um es auf eine andere Weise zu sagen: Der Himmel ist überall um uns herum, steht im Prinzip immer zur Verfügung.«

Fassen wir kurz die umwälzenden und herausfordernden Einsichten zusammen, die Abraham Maslow durch die Erforschung von Gipfelerlebnissen uns schenkte. Schrittweise wurde es klar: Zum vollen gesunden Menschsein gehören Erlebnisse, die sich von mystischen Erfahrungen, wie die Religionen sie kennen, nicht unterscheiden lassen. Diese Gipfelerlebnisse lassen sich wissenschaftlich untersuchen. Das verlangt nun aber von der Wissenschaft eine große Erweiterung ihrer Methodik, um dem erweiterten Umfang ihres Forschungsbereiches gerecht zu werden. Es verlangt zunächst engste Zusammenarbeit von Geistes- und Naturwissenschaften, aber auch gegenseitige Anerkennung und Verständigung zwischen Wissenschaft und Religion. Zugleich fordert es von der Religion eine Rückbesinnung auf ihre mystischen Wurzeln.

Jede Religion entspringt ja einem Gipfelerlebnis. Dies gilt für ihr innerstes Wesen, aber auch für ihre Entstehung und Entfaltung in der Geschichte. Lehre, Ethik und Ritual, drei Säulen jeder religiösen Tradition, lassen sich auf das mystische Erlebnis zurück führen. Die Lehre ist letztlich der Versuch, seinen Inhalt verstandesmässig zu deuten; die Ethik gibt Anweisungen, wie die beglückende Allzugehörigkeit, die wir auf dem Gipfel erleben, auch im Tal des Alltags willig verwirklicht werden kann; im Ritual feiert die Religion den Gefühlsgehalt mystischer Erfahrung und erreicht ihn sogar in ihren geglücktesten Formen. In Gemüt, Willen und Verstand, entfaltet sich also die Mystik geistig und leiblich in jeder Religion - will sich zumindest so verwirklichen.

In der Praxis stellen sich leider häufig Fehlentwicklungen ein: Im kalten Klima von Institutionalisierung, Abstumpfung durch Gewöhnung und Vergessen des Wesentlichen gefriert das lebendige Wasser mystischer Erfahrung und wird zu Eis; Lehre verhärtet sich dann zu Dogmatismus, Ethik zu Moralismus, der Kult zu Ritualismus. Nur der Tauwind persönlich mystischer Herzenswärme kann diese Ismen wieder zum Schmelzen bringen und lebenspendendes Wasser zum Sprudeln. Verstand, Wille und Gemüt - der ganze Mensch, versinnbildlicht durch das Herz - ist also angefordert. Das Herz jeder Religion ist ja die Religion des Herzens. Nur Rückkehr in die mystischen Tiefen des Herzens kann eine Religion wieder religiös machen.

Auf dieser Ebene mystischer Erfahrung sind die Religionen einander sehr ähnlich. So verschieden die Auslöser für Gipfelerlebnisse, so ähnlich doch die ausgelöste Erfahrung. In Maslows Worten: »Die Stimuli sind sehr unterschiedlich, die subjektive Erfahrung ist tendenziell ähnlich.« Eine Parallele dazu bilden unsere inneren Erfahrungen von Glück, die sich ja auch sehr ähneln, unabhängig von der großen Vielfalt dessen, was Menschen glücklich macht. Die Mystiker aller religiösen Traditionen »sprechen eine gemeinsame Sprache, haben gemeinsame Erfahrungen und leben in derselben Welt.« Hier bilden Maslows Forschungsergebnisse eine solide Grundlage für gegenseitige Anerkennung und Zusammenarbeit zwischen den Religionen - für eine Aufgabe also, von der heute das Überleben Der Menschheit abhängt, die wir aber noch kaum in Angriff genommen haben.

Für meine eigene lebenslange Mitarbeit am interreligiösen Dialog boten Maslows Entdeckungen unersetzliche Ansatzpunkte. Im Rückblick erkenne ich eine klare Linie, die von meiner ersten Begegnung mit Maslows Forschungsergebnissen hinführt bis zu meiner Auslegung des christlichen Glaubensbekenntnisses in Worten allgemeinmenschlicher innerer Erfahrung. Nur die Mystik erwies sich als Brücke mit genügend Tragkraft, um es dem Dalai Lama zu ermöglichen, mein Buch über das Credo mit einem Vorwort zu ehren. Selbst ein Unikum in der Religionsgeschichte, wie es diese unsere Zusammenarbeit darstellt, wird durch Maslows Einsichten verständlich.

Aber nicht nur in den Bereichen von Religion und Wissenschaft Erschließen Maslows Entdeckungen ein unüberschaubar weites Forschungsgebiet und fordern zu ihrer Auswertung heraus. Ihre große Bedeutung für Noetik, Psychotherapie und Bewusstseinsforschung ist noch nicht erkannt worden. Die Glücksforschung hat die zentrale Stellung des Gipfelerlebnisses - durch das wir ja überhaupt erst wissen was Glück ist - noch nicht ausgewertet. Und wie müsste unser Erziehungssystem sich wandeln, um der Einsicht gerecht zu werden, dass mystische Erfahrung zum vollen Menschsein gehört? Es ist ja kein Zufall, dass Gipfelerlebnisse, wie Maslow aufzeigte, in Kindheit und Jugend häufiger vorkommen, als später im Leben.

Heikle, hart umstrittene Untersuchungen werden dadurch herausgefordert, dass durch Psychodelika mystische Erfahrungen gewonnen werden können, die sich von spontanen Gipfelerfahrungen nicht unterscheiden lassen. In beiden Fällen ist das Entscheidende nicht die Erfahrung, sondern ihre Anwendung im täglichen Leben, aber vor der Anwendung muss die Erfahrung kommen. Andere Kulturen beweisen ihre innere Offenheit für Mystik durch ihre Bereitschaft, sich durch rituelle Verwendung von psychodelischen Stoffen auf mystische Erlebnisse vorzubereiten. In unserer Kultur stehen dem grosse Vorurteile im Weg. Wozu das führt, wissen wir. Wenn wir aber Maslows Einsicht von der zentralen Wichtigkeit der Gipfelerlebnisse für volles Menschsein ernst nehmen, werden wohl auch wir lernen, konstruktiver mit Psychodelika umzugehen, als ihre Anwendung zu kriminalisieren.

Erziehung zur Dankbarkeit erscheint mir persönlich als der naheliegendste und meistversprechende Weg zu einer Kultur, die Maslows Verständnis gesunden Menschseins verwirklicht. Mystik im Alltag - und um die geht es hier - besteht ja darin, im Jetzt zu leben. Das ist letztlich das Ziel jeder spirituellen Trainingsmethode. Und dankbares Leben ist eine solche Methode, denn dankbar ist man immer im Jetzt. (Man kann für Vergangenheit und Zukunft dankbar sein, aber immer nur jetzt.) Die Entdeckung der Dankbarkeit als zentrale Triebkraft in der Erziehung und die bemerkenswerten pädagogischen Experimente in dieser Hinsicht, ob von Maslow angeregt oder nicht, stellen heute jedenfalls etwas dar, was er sich erhofft hätte. Dankbarkeitserziehung ist auch ein sicherer Weg zur Wiederbesinnung auf allgemeingültige Werte, denn sie nimmt jene mystische Tiefe des Lebens ernst, in der die Werte verankert sind. Die neuen Forschungswege, die sich aus Maslows Entdeckung der Gipfelerlebnisse ergeben, erfordern mutiges Vorangehen; sie sind aber auch vielversprechend. Sollte dieses Buch nicht den Anstoß geben, das eine oder das andere dieser Versprechen zu erfüllen? Das dürfen wir wohl mit freudiger Spannung erwarten.

Dr. David Steindl-Rast OSB
Europakloster Gut Aich, 20. Oktober 2013

David Steindl-Rast wurde 1926 in Wien geboren, wo er Kunst und Anthropologie studierte und in Psychologie promovierte. 1953 trat er einem kontemplativen Zweig des Benediktinerordens in den USA bei. Ihm ist es unter anderem durch seine Erfahrung mit Zen-Buddhismus gelungen, Brücken zwischen christlicher Spiritualität und östlicher Weisheit zu schlagen; durch sein interdisziplinäres, soziales Engagement trägt er zu Verständnis und Frieden auf der Welt bei. Er teilt heute seine Zeit zwischen Klosterleben und Vortragsreisen und widmet sich der Website www.gratefulness.org Veröffentlichungen u. a.: Wendezeit im Christentum (zusammen mit Fritjof Capra; dtv, München 1994); Die Achtsamkeit des Herzens (Goldmann, München 1997) und Credo: Ein Glaube, der alle verbindet (Herder, Freiburg 2010). Informationen zu David Steindl-Rast in deutscher Sprache und zahlreiche Links zu Texten, Audio- und Videoaufnahmen finden Sie auf der folgenden Internetseite: https://gratefulness.org/about/international-partners/bruder-david/

 

Leseprobe 2
Erhard Doubrawa
Nachwort des Herausgebers

Seit ziemlich genau zwanzig Jahren gebe ich nun Bücher zur Gestalttherapie heraus: die Edition des Gestalt-Instituts Köln Im Peter Hammer Verlag. Die von mir herausgegebenen Bücher haben immer auch mit meinem eigenen Weg zu tun - mit dem professionellen genauso wie mit dem spirituellen. So gibt es seit einem Jahr eine neue Reihe in der Edition, die »Impulse zur seelischen Ganzwerdung«.Das erste in dieser Reihe veröffentlichte Buch ist »Das Gold im Schatten« von Robert A. Johnson, einem jungianischen Psychotherapeuten.

Mit »Religions, Values, and Peak Experience«, dem zweiten Buch in der Reihe, verbinden mich dreißig Jahre des Lebens. Ich habe mir erlaubt, den nüchternen Titel seinem emotionalen Inhalt anzupassen: »Jeder Mensch ist ein Mystiker«. Endlich kann ich es im deutschsprachigen Raum zugänglich machen, und das sogar mit einer Einführung des Menschen, der mich auf die Fährte der bahnbrechenden Untersuchungen Abraham Maslows gesetzt hat - Bruder David Steindl-Rast, Benediktiner und Psychologe. Ihm vorweg meinen Dank von Herzen dafür.

Vor nun dreißig Jahren war ich mitten in meinem Studium der katholischen Theologie. Ich hatte damit Mitte der 1970er an der Päpstlichen Fakultät der Katholischen Theologischen Hochschule Fulda begonnen, einer überaus konservativen Hochschule, an der es viel um die rechte Lehre, die Orthodoxie, ging. Mein Studium setzte ich am Fachbereich Katholische Theologie der Westfälischen Wilhelms-Universität in Münster fort - einer weltoffeneren und fortschrittlicheren Hochschule. Ich studiert u. a. beim Politischen Theologen Johann Baptist Metz und seinen Schülern.

Auf drei Säulen ruhte das Studium für uns damals: Theologie, Politik und Psychologie. Christlichen Glauben verbanden wir mit »Orthopraxie«, mit der rechten Lebensweise. Diesem Verständnis nach verlangte der christliche Glauben nach einembefreienden politischen Engagement. Viele uns waren politisch aktiv, meist in linken gesellschaftskritischen Gruppen. Ich selbst wurde im Zuge eines längeren Industriepraktikums in der Produktion eines Stahlwerkes Gewerkschaftsmitglied. Mir war klar, ein befreiendes politisches Engagement dürfe nicht vor der Institution Kirche halt machen. Die katholische Kirche war in dieser Zeit aber dabei, alle Öffnungen und Veränderungen wieder rückgängig zu machen, die das Zweite Vatikanische Konzil ermöglicht hatte. Die Befreiungstheologen Lateinamerikas, die regelmäßig an unserem Fachbereich in Münster zu Gast waren, bekamen diese Entwicklung dann bald am eigenen Leib zu spüren: Es gab Maßregelungen durch die Glaubenskongregation der Katholischen Kirche in Rom (der Nachfolgeorganisation der Inquisition), gar Predigtverbote, Publikationsverbote.

In dieser Zeit fiel mir ein Buch in die Hände, in dem u. a. ein Vortrag von Bruder David Steindl-Rast abgedruckt war. (1) Darin verwies er auf Untersuchungen von Maslow: dieser habe her- ausgefunden, seelisch gesunde Menschen seien von den eigenen mystischen Erfahrungen geprägt (später sagte er vorsichtiger »Gipfelerlebnisse«): Momente der Aufhebung des Getrenntseins von dem, was ist; Momente des Einsseins mit der Welt; Momente der Verbundenheit und Zugehörigkeit; Momente, die sie mit tiefer Berührung und Ehrfurcht zurück liessen.

Wir politischen Theologen waren überzeugt, dass Mystik und Politik der Nachfolge zusammen gehörten. So interessierte mich damals vor allem, wie solche mystischen Erfahrungen der vertrockneten katholischen Theologie, einer starr gewordenen Liturgie und schließlich der verknöcherten Institution Kirche erneut Leben einhauchen könnten. Mystische Erfahrung steht immer am Anfang der Religion. Eine verknöcherte Institution kann jedoch meist keine belebenden mystischen Erfahrungen mehr ermöglichen bzw. zulassen. Mystik ist schließlich gefährlich für Institutionen und deren Vertreter, die einen religiösen Alleinvertretungs- und Alleindeutungsanspruch haben. Aber gerade eine befreiende politische Praxis braucht belebende, nährende, kräftigende mystische Erfahrungen. Bruder David erhoffte sich von Maslows Forschungen, dass sie dazu beitragen würden, die Religionen wieder religiös zu machen - nicht nur die christliche, alle kennen diesen fortschreitenden Prozess der Institutionalisierung und dessen negative Folgen.

Mein beruflicher Weg verlief anders als erwartet. Nicht ein Seelsorger wurde ich, sondern Seelensorger, nämlich Gestalttherapeut, schließlich dann auch Institutsleiter und Lehrer für Gestalttherapie. Die »Gestalttherapie« zeichnet sich durch dialogische erfahrungsbezogene Arbeitsweise aus. Ich lehre die Klienten, Trainees und Supervisanden in den Aus- und Weiterbildungsgruppen Gewahrsein, Achtsamkeit, Präsenz. Nicht ich weiß, was für sie gut ist. Nein, es ist notwendig, dass sie es selbst herausfinden, selbst entdecken - ich bin nur ihr Begleiter und Entdeckungshelfer. Das, was in der Psychotherapie heilend wirkt, das sind nicht neue Erklärungen oder Vorsätze, sondern neue Erfahrungen. Heilend wirken in der Psychotherapie vor allem existenzielle Augenblicke, wie der amerikanische Psychotherapeut Len Bergantino sie in seinem Buch »Warum heilt Psychotherapie?« (2) nennt: Lebensstiftende Momente, die echtes Leben, nicht einfach nur »überleben« bedeuten. Bergantino beschreibt existenzielle Augenblicke als Begegnung von Wesen zu Wesen, als zeitweise Überwindung der Rollen, als heilende Berührung, die tiefe Gefühle auslöst - und zwar sowohl beim Klienten als auch beim Therapeuten. Häufig ist das mit Tränen der Rührung verbunden und nicht selten übrigens auch mit einer gleichsam existenziellen Scham, die zeigt, wie nah wir dann unserem Wesen sind, unserer Mitte, unserer Seele.

Len Bergantino weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass existenziellen Augenblicken eine spirituelle Dimension eigen sei. So schloss sich für mich der Kreis: Die existenziellen Momente, die ich in zahlreichen therapeutischen Prozessen mit Einzelnen, Paaren und in Gruppen erfahren habe - erinnerten mich an den erwähnten Vortrag von Bruder David Steindl-Rast und an die von Maslow ent-deckten mystischen Erfahrungen. Ja, auch Dialogische Gestalttherapie kennt solche mystischen Erfahrungen. Sie zeichnen sich durch eine besondere Dichte aus, die dann im (Therapie-)Raume ist, zwischen Klient und Therapeut, oder in Therapiegruppen zwischen allen, die hier zusammengefunden haben.

Ich suchte das Buch mit seinem Vortrag wieder und fand es nicht mehr in meiner Bibliothek, die bei so manchem Umzug geschrumpft war. Ich erwarb es dann schließlich antiquarisch. Beim Wieder-Lesen war ich dann genauso ergriffen wie beim Ersten Mal fast 30 Jahre vorher.

Drum wollte ich mehr von Abraham Maslows Forschungsergebnissen wissen, musste dann jedoch überrascht feststellen, dass von dem maßgeblichen Denker und Inspirator der dritten Kraft der Psychotherapie - der Humanistischen Psychologie - nur wenig ins Deutsche übersetzt worden war. Wenn ich im Internet etwas von und über Maslow fand, dann vor allem die von ihm entwickelte Bedürfnispyramide - und zwar fast nur den ersten Entwurf: Die Bedürfnispyramide mit dem Bedürfnis nach Selbstverwirklichung des Individuums an der Spitze. Nicht aber die nach seinen späteren Forschungen modifizierte, wo er das Bedürfnis nach Selbstüberschreitung, nach Transzendenz an die Spitze der Pyramide einfügte - über das Bedürfnis nach Selbstverwirklichung.

Und wenn ich im Internet überhaupt etwas über Gipfelerlebnisse fand, dann waren es meist »nur« Maslow-Zitate aus Bruder Davids erwähnten Vortrag manchmal sogar wörtliche Übernahmen aus weiteren Teilen seines Vortrag, ohne dass sie als Zitate gekennzeichnet waren. Man hatte also munter bei ihm abgeschrieben, ohne die Quelle zu würdigen. Es war nicht einfach, an die deutschen Rechte zu Maslows Buch zu gelangen. Mir war klar, dass ich das Buch bloß dann publizieren wollte, wenn ich es zugleich mit dem Vortrag veröffentlichen könnte, in dem Maslow enthusiastisch das erste Mal von seiner Endeckung spricht, und am liebsten auch einem Beitrag von Bruder David Steindl-Rast. Beides ist schließlich gelungen - und das erfüllt mich mit tiefer Freude. Und so lege ich dieses Buch in Ihre Hände, liebe Leserinnen und Leser. Sehr froh wäre ich, wenn es in zweierlei Hinsicht als Ermutigung dienen könnte: Einmal für Seelsorger, die beitragen möchten, dass Menschen mystische Erfahrungen machen können. Zum anderen für Psychotherapeuten - dass sie mystische Erfahrungen zumindest nicht verhindern.

Ob mystische Erfahrungen von unserem Gegenüber überhaupt ausgesprochen werden können, hängt stark von unserer eigenen Haltung solchen Erfahrungen gegenüber ab, sei es nun die als Seelsorger (z.B. in der Kirche) oder als »Seelensorger« (z.B. in der Therapie). Wenn wir diese Erfahrungen achten, freundlich begrüssen und zugewandt betrachten können, dann können unsere Gemeindemitglieder oder unsere Klienten diese auch berichten. Und schließlich: Inzwischen hege ich viel Zuneigung für Menschen, die als Haupt- oder Ehrenamtler in den Kirchen arbeiten. Immer wieder darf ich etwa durch Supervision oder Weiterbildung in den Dienst treten für Theologen - in den Dienst des Therapeuten für den Dienst des Theologen. Auch das erfüllt mich mit Dankbarkeit.

Erhard Doubrawa, Gestalttherapeut
Gestalt-Institute Köln und Kassel (GIK)

Erhard Doubrawa, 1955, Gestalttherapeut, Diplom-Sozialpädagoge und Diplom- Pädagoge, Leiter der Gestalt-Institute Köln und Kassel GIK (www.gestalt.de), Herausgeber der Gestalttherapie-Zeitschrift »Gestaltkritik« (www.gestaltkritik.de). In seinen privaten Praxen in Köln und in Kassel arbeitet er mit Einzelnen, Paaren und Gruppen - auch als Supervisor und Coach. Im Peter Hammer Verlag ediert er eine Reihe zur Theorie und Praxis der Gestalttherapie. Buchveröffentlichungen von Erhard Doubrawa u. a. »Die Seele berühren: Erzählte Gestalttherapie«, sowie (gemeinsam mit Stefan Blankertz) »Einladung zur Gestalttherapie: Eine Einführungmit Beispielen« und »Lexikon der Gestalttherapie« und »Lexikon der Gestalttherapie«.

 

Anmerkungen:

(1) David Steindl-Rast, Die Religionen religiös machen. Aus: Rainer Kakuska (Hg.), Andere Wirklichkeiten: Die neue Konvergenz von Naturwissenschaften und spirituellen Traditionen, München 1985, S. 193-204. Das Buch basiert auf einer Konferenz mit dem Titel »Andere Wirklichkeiten«, die vom 7. bis 77. September 1983 im Tiroler Ort Alpbach stattfand.
(2) Len Bergantino, Warum heilt Psychotherapie? Der existenzielle Augenblick (1986), Köln 1992.

 

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Informationen zum Autor

Aus dem Buch

Aus dem hier vorgestellten Buch "Jeder Mensch ist ein Mystiker" von Abraham H. Maslow (Seite 2)
 

Cover: Jeder Mensch ist ein Mystiker (Abraham H. Maslow)

Abraham H. Maslow
Jeder Mensch ist ein Mystiker
Impulse zur seelischen Ganzwerdung

Einführung von David Steindl-Rast
Herausgegeben und mit einem Nachwort von Erhard Doubrawa

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Dieser Klassiker der Humanistischen Psychologie beschäftigt sich mit dem Phänomen der psychischen Gesundheit.
"Wir haben in der Psychologie lange Zeit psychische Störungen untersucht. Warum untersuchen wir nicht besonders gesunde Menschen und sehen, ob uns das hilft, seelisch gesünder zu werden?"
Als Maslow begann, solche Personen zu untersuchen, fiel ihm auf, dass sie häufig von mystischen Erlebnissen berichteten, von Momenten intensivsten Glücks, in denen das Gefühl des Getrenntseins von der Welt aufgehoben war. Maslow entwickelt aus seinen Erkenntnissen ein Plädoyer für eine spirituell-transzendente Dimension in der Psychologie und Psychotherapie.
Mit einer Einführung von Bruder David Steindl-Rast.

Edition GIK Gestalt-Institute Köln und Kassel
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2014
196 Seiten, Paperback,17,90 Euro

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