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Margaret "Pat" Korb
Heiliger Boden:
Ich-Du in der Gestaltarbeit (1)

Aus der Gestaltkritik 2/2010:

Gestaltkritik - Die Zeitschrift mit Programm aus dem Gestalt-Institut Köln
Gestaltkritik (Internet): ISSN 1615-1712

Themenschwerpunkte:

Gestaltkritik verbindet die Ankündigung unseres aktuellen Veranstaltungs- und Weiterbildungsprogramms mit dem Abdruck von Originalbeiträgen: Texte aus unseren "Werkstätten" und denen unserer Freunde.

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Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

  Hier folgt der Abdruck eines Beitrages aus Gestaltkritik 2/2010:

Margaret "Pat" Korb
Heiliger Boden:
Ich-Du in der Gestaltarbeit (1)

Foto: Pat Korb (1920 - 2009)Pat Korb (1920 - 2009)

„Über viele Jahre wirkte Pat Korb (1920 – 2009) an den internationalen Konferenzen des ‚Gestalt Journal’ mit – sowohl als Referentin, als Gesprächspartnerin und als Teilnehmerin. Sie baute ein weltweites Netzwerk von Freunden innerhalb der Gestaltgemeinschaft auf. Wir alle haben ihre Wärme und ihren Humor genossen – und ebenso, mit welcher großer Freude sie das Leben umarmte.“

(Joe Wysong, Herausgeber, The Gestalt Journal)

 

Das Grundwort Ich-Du stiftet die Welt der Beziehung. In jedem einzelnen Du sprechen wir das ewige Du an. (Martin Buber)

Nicht lange nachdem ich meine Ausbildung und Betätigung als Gestalttherapeutin aufgenommen hatte, wurde mir bewusst, dass damit für mich eine lebenslange Suche an ein Ende gekommen war. Ich hatte ein „Zuhause“ gefunden. Ich hatte das Gefühl, Boden unter den Füssen zu haben. Seit meiner Zeit am College war mir bewusst gewesen, dass ich immer auf der Suche nach so etwas war. Und unbewusst hatte ich wohl mein ganzes Leben lang danach gesucht. Meine bewusste Suche hatte mich zur Beschäftigung mit allen möglichen Theologien, Erziehungstheorien und religiösen und erzieherischen Praxisformen geführt, und ich habe dabei sicher auch viel gelernt. Trotzdem war die Suchende in mir mit alldem nicht zufriedigen. Was ich dann in der Gestaltarbeit fand und was daran so außerordentlich befriedigend war, konnte ich gedanklich gar nicht richtig erfassen, und ich vermochte auch nicht, meine Erfahrung in klare und überzeugende Worte zu fassen. Meine Intuition sagte mir einfach nur, dass jetzt etwas Wesentliches meiner Person und meiner Art des Daseins in der Welt auf festem Boden angekommen war.

Dass ich mich in Gestaltarbeit wie zuhause fühlte, war zunächst eine spontane Reaktion ohne große Worte. Heute weiss ich, dass mein ganzes Wesen – mein Geist, mein Verstand und meine Sprache – schon immer durch und durch davon geprägt waren, in Prozessen zu denken und zu handeln. In Gestalt hatte ich eine Betätigung gefunden, in der ich diese persönliche Eigenart nutzbringend für die Entwicklung von Klienten und dadurch indirekt auch für die Veränderung eines Teils der Welt einsetzen konnte. Gestaltarbeit wurde mir zur Heimat, weil in ihr mein ganzes Wesen Bestätigung und Anerkennung erfährt.

Je länger ich mit Gestaltarbeit beschäftigt war, um so deutlicher wurde mir, dass mit ihr noch etwas anderes verbunden ist. Nicht nur erlebte ich den Wert meiner eigenen Person, sondern auch mein Umgang mit Klienten hatte besondere Qualitäten. Im vorliegenden Artikel versuche ich zum ersten Mal, diese besonderen Qualitäten zu beschreiben und der Erfahrung des heiligen „Zwischen“ (Friedman 1985) Worte zu geben. Es geht mir um die Ich-Du-Beziehung in der therapeutischen Situation. Besonders sie ist eine Art von Heimat.

Während meiner Ausbildung und der ersten Arbeiten mit Gestalt wurde der Perls’sche Grundsatz, dass das Wesentliche der Gestalttherapie im Ich-und-Du und im Hier-und-Jetzt liege, durchaus anerkannt. Aber er wurde so oberflächlich benutzt wie eine kurze Formel für eine komplexe Sache, von der man eigentlich nicht viel versteht. Jacobs wies darauf hin, dass der Begriff Ich-Du letztlich undifferenziert für jedwede gestalttherapeutische Interaktion in jeder ihrer Phasen verwendet wurde (Jacobs 1978). Wenn ich im folgenden einige meiner Erfahrungen mit Klienten darlege, möchte ich meinen Blickwinkel allerdings etwas einschränken. Ich gehe dazu noch einmal auf den Ursprung des Begriffs zurück, auf Martin Bubers Ausführungen über das Heilige, denen zufolge die Erfahrung des Ich-Du nur im Modus von Hier-und-Jetzt möglich ist.

Buber unterscheidet die Ich-Du-Beziehung von der Ich-Es-Beziehung. Er stellt fest, im Verhältnis zu anderen Menschen, menschgemachter und natürlicher Umwelt seien beide Arten von Beziehungen notwendig. In Ich-Es-Beziehungen werde die Welt in Gang gehalten, würden die Verhältnisse geregelt und die grund-

legenden Tatsachen und Informationen geschaffen. Daran wirkten vor allem intellektuelle Vorgänge, also Begriffe, Kenntnisse und Erinnerungen (Buber 1995, S. 6ff).

Zu Beginn einer Sitzung gehe ich auf das ein,was der Klient als Material für die therapeutische Arbeit mitbringt, und wenn ich gemeinsam mit dem Klienten die Sitzung zu Ende bringe, verwende ich bekannte supportive Interventionen wie Reflexion, Klärung, Zusammenfassung und angemessene Selbstmitteilung. Meine Interventionen schaffen ein Klima des Vertrauens, setzen ein Thema und produzieren das Material, das zum Sitzungsabschluss erforderlich ist. Zu Beginn der Sitzung sind meine Gedanken sehr damit beschäftigt, das präsentierte Material zu sortieren, auf Polaritäten oder Auslassungen zu prüfen und auf mögliche Diskrepanzen zu Stimmqualität und Körperausdruck abzuklopfen, so dass sich daraus ein Einstieg in die Erkundung des dahinterliegenden Prozesses ergibt. Zum Abschluss einer Sitzung ist mein Verstand ebenfalls sehr beschäftigt, nämlich das in der Sitzung aufgekommene Material zu strukturieren und daraus Möglichkeiten für eine Beendigung der Sitzung abzuleiten. Während all dieser Aktivitäten mit Begriffen, Kenntnissen und Erinnerungen ist mein Verhältnis mit dem Klienten eine Ich-Es-Beziehung. Freilich hat sie den Sinn, die Grundlage dafür zu schaffen, dass aus ihr eine Ich-Du-Beziehung erwachsen kann.

Ich möchte dies noch weiter differenzieren. Die Ich-Es-Beziehung zwischen Therapeut und Klient ist nicht das gleiche wie die Subjekt-Objekt-Beziehung, die ich eingehe, wenn ich zum Beispiel mein Auto starte, die Kühlschranktür öffne oder die Zahlung an der Kasse im Supermarkt tätige. Zwar sind auch die aufgezählten Ich-Es-Beziehungen wichtig und notwendig, um meinen Alltag zu regeln. Aber sie sind dies in einer anderen Weise als die Ich-Es-Beziehungen in meinem Umgang mit dem Klienten. Denn mit dem Klienten bin ich in den Anfangs- und Endphasen einer Sitzung – und erst recht im ganzen Sitzungsverlauf – viel präsenter und ansprechbarer, viel respektvoller und wertschätzender. Allerdings sind auch diese Phasen noch Ich-Es-Beziehungen, denn meine Reaktionen auf das Material des Patienten werden von den Aktivitäten meines Verstandes geleitet.

Innerhalb einer Gestaltsitzung ist der Klient meistens dazu bereit, sich auf das sogenannte Arbeiten einzulassen. Ich kann zwar noch nicht abschliessend sagen, was alles mit dieser Bereitschaft einhergeht. Aber ich erkenne in einem solchen ungeplanten Augenblick sofort, wie sich zwischen mir und meinem Klienten eine wechselseitige Ich-Du-Beziehung einstellt. In ihr wird durch einen Akt des Vertrauens jeder von uns für den anderen unmittelbar präsent. Buber (1995) formuliert das so:

„Das Du begegnet mir. Aber ich trete in die unmittelbare Beziehung zu ihm. So ist die Beziehung Erwähltwerden und Erwählen, Passion und Aktion in einem“ (S. 11).

Die erlebte Differenz besteht ihrem Wesen nach, wieder in Bubers Worten, in folgendem:

„Das Grundwort Ich-Du kann nur mit dem ganzen Wesen gesprochen werden. Die Einsammlung und Verschmelzung zum ganzen Wesen kann nie durch mich, kann nie ohne mich geschehen.[…] Ich werde am Du, Ich werdend spreche ich Du. Alles wirkliche Leben ist Begegnung. […] Zwischen Ich und Du steht kein Zweck, keine Gier und keine Vorwegnahme. […] Alles Mittel ist Hindernis. Nur wo alles Mittel zerfallen ist, geschieht die Begegnung.[…]

Gegenwart […], die wirkliche und erfüllte, gibt es nur insofern, als es Gegenwärtigkeit, Begegnung, Beziehung gibt. Nur dadurch, daß das Du gegenwärtig wird, entsteht Gegenwart.“ (S. 11-13.)

Viele Aspekte von Gegenwärtigkeit, die Buber für ein Wesensmerkmal der Ich-Du-Beziehung hält, wurden mir in meiner Arbeit der letzten Jahren immer deutlicher. Ich möchte Bubers Ausführungen sogar noch einen Schritt weiterführen: Es ist genau diese Erfahrung von Gegenwart und Gegenwärtigkeit, durch die beim Klienten spontan frisches Material auftaucht, das nicht erst über den Umweg einer bewussten Rückerinnerung oder Abstraktion geschaffen wurde. Es taucht Material auf, das in dieser Art noch nie zuvor gedacht, vorgestellt oder formuliert worden war. Aus der Welt der bekannten Bedeutungen, aus dem, was Victor Frankl (1978) den Logos nennt, entspringen frisch und klar neue Bilder, Gedanken oder Sätze, mit denen sich experimentieren lässt. Sie entstehen in mir spontan, ich selber bin in diesen Wörtern, Bildern und Gedanken gegenwärtig. Die gesprochene Sprache bezieht daraus ihre poetische Qualität, und das Schweigen bestätigt dieselbe Qualität ohne Worte. Ich habe dabei kein Bewusstsein der verstreichenden Zeit, ich bin dabei nur der Gegenwart bewusst. Ich höre und sehe alles deutlich und ohne Behinderung durch Hemmnisse oder Unterbrechungen. Meine Wahrnehmungen wechseln nicht zwischen Figuren hin und her, sondern es gibt nur eine stabile Figur, und diese ist zur Gänze gegenwärtig. Der Raum, den mein Klient und ich bewohnen, ist in vollster Harmonie, um einen Ausdruck von Oliver Sacks zu gebrauchen. Mein Klient und ich sind gleichzeitig aktiviert und in einem Ruhezustand mitten in einem Energiefeld, das rund und ganz erscheint. Wir sind umfangen von einer Aura des Heiligen.

Gestaltarbeit ist für mich deswegen so befriedigend, weil ich mich mit dieser Erfahrung auf tragendem Boden weiss. Material kommt nicht von oben oder außen eingeflogen. Und ich bin nicht ein bloßer Kanal, wie Rudhyar (1983) sagt. Ich fühle die Gedanken, Bilder, Worte wie auch die Impulse zum Schweigen in meinem Körper aufsteigen, bis sie hinter meinem Gesicht gegenwärtig sind als das spezielle Wort, das ich sagen muss, oder als die besondere Stille, die ich bewahren will. Zinker (1970) nannte dies einen Schöpfungsprozess, die Vergegenwärtigung Gottes in meinen Händen und Augen, meinem Gehirn und ganzen Sein (S. 3). Die Manifestationen meines Schöpfungsprozesses steigen aus einem tiefen, klaren, reinen Orte auf, in dem ich Tillichs (1987) „Seinsgrund“ wiedererkenne, der bei ihm eine andere Bezeichnung für Gott ist: „Er (Gott) ist das Fundament, auf dem jedes Fundament gelegt ist, und dieses Fundament kann nicht erschüttert werden." (S. 14.)

Wenn ich in irgendeiner Weise in diesen Schöpfungsprozess hineinregiere, verwandle ich den Kontakt mit meinem Klienten in eine Ich-Es-Beziehung. Dann ist wieder mein Verstand zugange, und ich lenke den Kontakt zum Klienten um über meine Gedanken. Die Aura des Heiligen, die vollständige Harmonie verschwinden dadurch. Wir kehren zurück zum Bewusstsein von Selbst und Anderem, zur Alltagszeit und zum Alltagsort, zur Praxis oder zum Gruppenraum. Wenn ich aber nicht mit Bewusstsein eingreife, sondern auf einfühlsame Weise für das Gewahrsein meines Klienten präsent bleibe, ereignet sich das von Zinker (1977, S. 11) so genannte Tao-Lernen, „bei dem der einzelne seine eigene Bewegungskraft und Erkundungsfreiheit verspürt“. Diese Ich-Du-Erfahrung kommt erst dann an ein natürliches Ende, wenn die im Mittelpunkt stehende Gestalt vollendet ist.

Bei Gestaltarbeiten mit dieser Charakteristik „teilen der Klient und ich eine unmittelbare Wirklichkeit“ (wie es Buber ausdrückt). Befangenheit, Beurteilungen und Bewertungen bleiben außen vor. Wenn wir gleichzeitig präsent sind, sind wir zugleich in Kontakt und in Konfluenz (Swanson, 1987). Mein Klient ist präsent mit einem klaren Wissen um seine Grenzen. Zwar ist er auch meiner Präsenz gewahr, doch sein Aufmerksamkeitsfokus liegt in ihm selbst. Ich bin in meiner Ganzheit präsent, was in der Terminologie von Rogers (1959) als Zustand erweiterter Kongruenz bezeichnet wird, und mein Aufmerksamkeitsfokus liegt empathisch beim Klienten. Wir sind in einem heiligen Zustand des Kontakts und der Konfluenz, durch den uns beiden Lebendigkeit und Heilung widerfährt.

Thomas Merton (1965) hat den Zustand, in dem ich mich in Gestaltarbeit in einer Ich-Du-Beziehung befinde, mit Worten von Konfuzius umschrieben: „Öffnen des Herzens – das Vernehmen des Geistes ist nicht an ein Sinnesvermögen gebunden, nicht auf das Ohr noch auf den Verstand beschränkt. Nötig ist vielmehr die Leere aller Sinne. Denn wenn alle Sinne leer sind, lauscht das gesamte Wesen. Dann kommt es zur unmittelbaren Erfassung dessen, was vor dir liegt. Kein Ohr könnte dies je hören, noch der Verstand es jemals verstehen. Mach das Herz auf, und alle Sinne werden leer und frei von ihren Bestimmungen und Begrenzungen. Das offene Herz erlangt Einheit und Freiheit.“ (S. 52-53.)

Gertrude Krause, eine Lehrtherapeutin in meiner Ausbildung, beschrieb ihre Vorbereitung auf Therapiestunden als „sich selber leer machen“. Sie hatte es gelernt, alle Dinge ihres persönlichen Lebens so auszuklammern, dass sie zu einer Gegenwärtigkeit fähig wurde, durch die sie zu einem wahren Ich für das Du des Klienten wurde. Die „Offenheit des Herzens“ legte sie in jedem Detail der Gestaltarbeiten an den Tag, denen ich beiwohnen konnte. Damals verstand ich das gar nicht, heute versteh ich’s. Und ich verstehe jetzt, wie tiefgründig ihre Arbeit war und wie hilfreich für die Klienten.

Die Klienten, die zu mir in Therapie kommen, suchen fast verzweifelt nach der Erfahrung des Gegenwärtigseins, der Erdung und einer Verbundenheit, die nicht aus Abhängigkeit besteht. Wenn es dann zur Erfahrung eines Ich mit einem Du kommt, entspannt sich der Körper, vertieft sich die Atmung, verlangsamt und beruhigt sich die Stimme und gewinnt der Blickkontakt tiefere Bedeutung. Liebe wird frei, und manche Augenblicke erscheinen wie aus einer anderen Welt jenseits von Raum und Zeit. Der Klient, der präsent ist, und ich in meiner Gegenwärtigkeit sind Teile eines Ganzen, das andere Qualitäten hat als nur die Summe der Teile. Beinahe greifbar entsteht eine Aura des Heiligen. Wieder mit Buber gesagt: „In jedem Du reden wir das Ewige Du an.“

Ich fand mehrere Beschreibungen für diesen speziellen Zustand der Konfluenz, den ich als gesund, heilsam und kontaktreich ansehe. Beispielsweise Frankl (1978) nennt diese Erfahrung „echte Begnung“. Er merkt an, dass dies „eine Form der Koexistenz ist, die für das Logos [die Welt der Bedeutungen] offen ist und den Partnern erlaubt, sich selbst zum Logos zu tranzendieren, ja, die die gegenseitige Selbsttranszendierung sogar noch unterstützt“ (S. 66). Für Rollo May (1983) „ist dies die Erfahrung der Spontanbegegnung mit einem anderen Menschen, den wir auf einer ganz anderen Ebene als lebendig erleben, als wir sie bisher von ihm kannten“ (S. 91). Für Jung (1938) ist die Erfahrung des Heiligen etwas, was man nicht erzeugen kann. Sie ist ein „Effekt und hat eine dynamische Daseinsweise, die man nicht beliebig durch einen Akt des Wollens auslösen kann“ (S. 4). Kelsey (1986) schreibt dazu: „1945 schrieb Jung an P.W. Martin: ‚Mein Interesse gilt nicht so sehr den Neurosen, mein wirkliches Interesse gilt der Erfahrung des Heiligen.‘ Und er fuhr fort, dass wahre Therapie den Menschen mit dem Göttlichen in Kontakt bringe. Wenn diese Erfahrung tiegründig und echt sei, wird er von der Bürde der Krankheit und Geistesverwirrung befreit. Jung glaubte, dass sich der Urgrund der Seele auf eine Bedeutung ausrichte, die größer ist als sie selbst“ (Kelsey 1986).

LeShan (1975) beschrieb diese Erfahrung in einer seiner Abhandlungen über das Paranormale. Er sammelte Äußerungen von Mystikern, Medien und Quantenphysikern, in denen sie ihren Tätigkeitsprozess beschreiben. Über Inhaltsanalysen gelangte er zu dem Modell einer „Hellseherischen Wirklichkeit“, in der sich die Betreffenden während ihrer Tätigkeit befinden. Diese Wirklichkeit kennzeichnete er durch vier Merkmale:

1. Allen Dingen kommt eine grundlegende Einheit zu. Der wichtigste Aspekt eines Dinges sind seine Beziehungen, seine Stellung im übergeordneten Ganzen. Die Vereinzelung und Getrenntheit der Dinge ist sekundär oder eine Täuschung.

2. Vergangenheit, Gegenwärtigkeit und Zukünftigkeit sind Täuschungen, die wir dem „nahtlosen Kleid“ der Zeit andichten. Es gibt eine gültige alternative Auffassung von Zeit, in der diese Trennungen gar nicht existieren.

3. In dieser anderen Sichtweise der Welt ist das Böse eine bloße Erscheinung. Wenn wir uns diesem anderen Verständnis von Wirklichkeit anschließen (wobei „ver-stehen“ ja wörtlich so etwas bedeutet wie „stehen in“, „Teil sein von“ ), urteilen wir nicht mehr nach Kriterien wie gut und ­böse.

4. Es gibt bessere Möglichkeiten, an Wissen zu gelangen, als durch die menschlichen Sinne (S. 64).

Im Anschluss daran behandelt LeShan den Zusammenhang von Heilung und Hellseherischer Wirklichkeit: „In der Hellseherischen Wirklichkeit sieht der Heiler den Heilungsuchenden auf einem Niveau, das nahe an der Vorstellung ist, alles sei nur eins. Dabei ist er von Liebe, Fürsorge und Caritas für den zu Heilenden geleitet. Dies ist der entscheidende Wirkfaktor. Im Heilungsuchenden wird dadurch das System der Selbstheilung auf einer Ebene in Gang gesetzt, die näher an seinem eigenen Potential liegt als üblicherweise“ (S. 64).

Ich selbst bin keineswegs eine Hellseherin im üblichen Wortverständnis, kein „Kanal für die Botschaften eines höheren Wesens oder Meisters“ (Rudhyar, 1983). „Channeling wird normalerweise als ein mechanischer und passiver Prozess verstanden, in dem die Struktur und Qualität des Daseins des selbsterklärten Mediums keine Rolle spielen“ (S. 226). Im Gegenteil, ich bin völlig präsent und in diesem Zustand zugleich ganz auf die geistigen Schwingungen in der Interaktion zwischen mir und meinem völlig präsenten Klienten eingestimmt. Allerdings werden die zentralen Eigenschaften dieser Interaktion von LeShans Beschreibungen sehr gut getroffen:

der Sinn für eine makellose Verbindung von Figur und Hintergrund in allen Dingen; die Gegenwärtigkeit außerhalb der Zeitbewegung über eine Zeitspanne hinweg, die mehrere Stunden misst; das Fehlen kritischer Beurteilungen und Bewertungen; das unmittelbare Auftauchen von Material zum Nutzen von Therapie und Heilung; und die liebevolle und fürsorgliche Qualität der Gegenwärtigkeit.

Jacobs schrieb 1978: „Wenn die Ich-Du-Beziehung die höchste Verwirklichung der Möglichkeiten des Menschen ist, so wie es Buber meint, und wenn sie zugleich die Grundform des Kontaktprozesses ist, dann ist der Kontaktprozess Quelle und Mittelpunkt der Selbstentfaltung. Wenn man das volle Potential der Gestalttherapie unter dem Gesichtspunkt der Ich-Du-Beziehung betrachtet, dann kann man meiner Meinung nach Transzendenz und Spiritualität nicht mehr aus dem Wesen des Menschen und des Therapieprozesses herausdividieren. Vielleicht kehrt [Gestalttherapie] in die Welt der Gegenseitigkeit zurück, in der es ein Potential zu Wachstum und Tranzendenz gibt, sobald zwei Menschen in voller Verantwortung zulassen, das ihr innerstes Selbst dem anderen begegnet“ (S. 132-133). Ich glaube, in den Prozessen der Gestalttherapie gab es schon immer Spiritualität und heiligen Geist. Neu ist gegenwärtig vielleicht nur, dass wir dies deutlich aussprechen und dass wir einige Aspekte davon klar und schlüssig darlegen.

Meine Erfahrung während meiner Ausbildung und Arbeit als Gestalttherapeutin, nach Hause zu kommen, brachte sicher in vieler Hinsicht auch beruflichen Nutzen mit sich. Vor allem aber eröffenete sie mir eine wundervolle, bewegende und auf Bewegung drängende Gegenwart, die mich geistig, emotional und spirituell befriedigt. Ich bin hier zuhause, weil mein lebenslanger Hunger nach persönlichem Wert und spiritueller Nahrung, meine Sehnsucht nach dem Heiligen mitten in den menschlichen Beziehungen, gestillt wird. Sicher werde ich mein Leben lang dazulernen, aber auf der Suche zu sein wie einst brauche ich nicht mehr. Ich habe den Seinsgrund erfahren und weiss, dass er unerschütterbar trägt. Ich habe Tag für Tag Boden bei meiner Arbeit und bei meinem Spiel. Und durch meine Verbundenheit mit anderen, die auch um die Ich-Du-Beziehung wissen, habe ich eine Gemeinschaft gefunden, zu der ich dazugehöre.

 

Anmerkung

(1) Bei der Urdefinition Gottes als Gegenwärtigkeit in 2. Mos 3, 1-14 wird stets von heiligem „BODEN“ gesprochen

 

Literatur

Buber, M. (1923). Ich und Du. Stuttgart: Reclam Nr. 9342, 1995. Nachdruck der 11. durchgesehenen Auflage, Heidelberg: Lambert Schneider, 1983.

Frankl, V.E. (1978). The unheard cry for meaning. New York: Simon and Schuster.

Friedman, M. (1985). Healing through meeting and the problematic of mutuality. Journal of Humanistic Psychology, (25) 1, Winter, 7-40.

Jacobs, L. N. (1978). I-thou relation in gestalt therapy. Unpublished dissertation.

Jung, C. G., M. D. (1938). Psychology and religion. New Haven and London: Yale University Press.

Kelsey, M. and B. (1986). Sacrament of sexuality: The spirituality and psychology of sex. Amity House.

LeShan, L. (1975). The medium, the mystic, and the physicist. New York: Ballantine Books.

May, R. (1938). The disovery of being. New York: W. W. Norton & Company.

Merton, T. (1969). The way of Chuang Tzu. Abbey of Gethsemani, 1965. New York: New Directions Publishing Corporation.

Rogers, C.R. (1959). A theory of therapy, personality, and interpersonal relationships, as developed in the client-centered framework. In Koch, S. (Ed.) Psychology: A study of a science, Vol. 3. Formulations of the person and the social context, pp. 184-256. New York: McGraw-Hill.

Rudhyar, D. (1983). Rhythm of wholeness: A total affirmation of being. Wheaton, 111. : The Theosophical Publishing House.

Swanson, J . (1987). Boundary processes and boundary states: A proposed revision of the gestalt theory of boundary disturbances. Unpublished manuscript.

Tillich, P. (1948). Religiöse Reden. Berlin, New York: de Gruyter, 1987. Nachdruck von: In der Tiefe ist Wahrheit (9. Aufl. 1985), Das Neue Sein (6. Aufl. 1983), Das Ewige im Jetzt (4. Aufl. 1986).

Zinker, J. (1977). Creative process in gestalt therapy. New York: Vintage Books.

Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Foto: Pat Korb (1920 - 2009)Pat Korb (1920 - 2009)

Margaret „Pat“ Korb (1920 – 2009) war seit den frühen 1970er Jahren als Gestalttherapeutin und als Gestaltlehrtrainerin tätig. In ihren mehr als 30 Praxisjahren arbeitete sie mit tausenden von Einzelnen, Paaren und Familien.

Sie war Mitgründerin und Leiterin des „Gestalt Center of Gainesville“ (Florida, USA). Ihr Gestalt-Training war eines der erfolgreichsten und meist besuchten in den USA. Darüber hinaus lehrte sie Gestalttherapie an der University of Florida und an der Florida School of Massage in Gainesville.

International bekannt wurde sie durch das Buch „Gestalt Therapy: Practice and Theory“, das sie gemeinsam mit Vernon Van De Riet und Jeffrey Gorell veröffentlichte. Darüber hinaus verfasste sie zahlreiche Zeitschriftenbeiträge zur Gestalttherapie.

Der nebenstehende Beitrag ist zuerst erschienen in: The Gestalt Journal, 1988: 11(1): 97-106 © 1988 by The Gestalt Journal Press.

Wir danken Joe Wysong und dem Verlag für die freundliche Genehmigung der deutschen Erstübersetzung.

Aus dem Amerikanischen von Thomas Bliesener.

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