Cover: Zwei in einem Sieb

Judith R. Brown
Zwei in einem Sieb
Märchen als Wegweiser für Paare
Aus dem Amerikanischen von Gabriele Ramin und Stefan Blankertz

Mit den faszinierenden Bildern der Märchen führt die renommierte amerikanische Psychotherapeutin und Schriftstellerin Judith R. Brown an typische Muster und Konflikte heran, wie sie sich im Alltag von Paaren immer wieder ereignen.
Während jedoch das Schicksal der Märchenhelden zu endloser Wiederholung oft destruktiver Verhaltensmuster zwingt, haben wir die Freiheit, unsere Beziehungen immer wieder neu zu gestalten. Dazu will Judith R. Brown mit ihrem Buch beitragen.
Dieses Buch ist nicht nur eine unterhaltsame Lektüre, sondern auch Hilfe zur Selbsthilfe für Paare: Es macht Mut für das Leben zu zweit und eröffnet Wege zu einem lebendigeren und glücklicheren Miteinander.
Ein Buch, zum Verschenken schön - in einer besonders aufwändig gestalteten Liebhaberausgabe: gebunden und mit Lesebändchen. 

Edition Gestalt-Institut Köln / GIK Bildungswerkstatt
im Peter Hammer Verlag, Wuppertal 2003

Besonders aufwändig gestaltete Liebhaberausgabe.186 Seiten, gebunden, mit Lesebändchen, 18,90 Euro

Dieses Buch erhalten Sie im gut sortierten Buchhandel und
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 Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

Inhalt des Buches:

Geleitwort der Herausgeber (Leseprobe I) 7

Danksagungen 9

Vorwort (Leseprobe II) 11

1. Zwei in einem Sieb 17

Einführung zu den »Fragen« und »Übungen« 23

2. Der Menschenfresser und seine Frau 29

3. Titty Maus und Tatty Maus 45

4. Der Fischer und seine Frau (Leseprobe III) 59

5. Die halb gefüllte Teetasse 73

6. Dumme Männer und zänkische Weiber 85

7. Der Herr im Haus 99

8. Von der Frau, die immer das Gegenteil wollte 109

9. Gudbrand und seine Frau 121

10. Rumpelstilzchen 137

11. Vom Manne, der die Hauswirtschaft besorgen sollte 151

12. Menschenfresser, Märchen und die gute alte Ehe 163

Epilog 167

»Erzähl' mir 'ne Geschichte«. Nachwort von Gordon Wheeler 181

Literatur 186

 

Und die Leseproben:

Leseprobe I:

Geleitwort der Herausgeber

Ich lache.

Die Löcher sind die Hauptsache in einem Sieb.

Ich hab dich so lieb.

- Joachim Ringelnatz

Zwei in einem Sieb - ein treffendes Bild für die Paarbeziehung. Zwei in einem Sieb - ein tiefes Bild für die vielfach erfahrene Zerbrechlichkeit, die eine Paarbeziehung beinhaltet. Zwei in einem Sieb - werden vom Sieb nur gerade so eben zusammengehalten. Der Rest bedarf erfahrungsgemäß immer wieder, Tag für Tag, kontinuierlichen Bemühens und neuen Engagements für den Weg zu Zweit.

Zu diesem Weg zu Zweit möchte die renommierte amerikanische Psychotherapeutin und Psychotherapeuten-Ausbilderin Judith R. Brown mit ihrem lebendigen und leicht lesbaren Buch ermutigen.

Mit den faszinierenden Bildern der Märchen führt sie die Leserinnen und Leser an typische Muster und Konflikte heran, wie sie sich im Alltag von Paaren häufig ereignen. Während jedoch das Schicksal der Märchenhelden zu endloser Wiederholung oft destruktiver Verhaltensmuster zwingt, haben wir die Freiheit, unsere Beziehungen stets neu zu gestalten.

Das Buch hilft, Störungen in Beziehungen aufzudecken und sich gegenseitig besser kennen und lieben zu lernen. Mit Hilfe von Fragen am Ende der Kapitel, durch Wahrnehmungsexperimente und Kommunikationsübungen eröffnet die Autorin Perspektiven zum lebendigen und glücklicheren Miteinander.

Dieses Buch möchte Einzelnen und Paaren neue Erfahrungen ermöglichen und auf diese Weise »Hilfe zur Selbsthilfe« sein. Doch auch diejenigen Leserinnen und Leser kommen nicht zu kurz, die Judith R. Browns Hintergrund und ihre Herangehensweise verstehen möchten - nämlich die Gestalttherapie. Am Ende des Buches finden sich zwei Beiträge dazu. Judith R. Brown beschreibt den Ansatz der Gestalttherapie und welche Hilfe gerade dieser für Paarbeziehungen bieten kann. In seinem Nachwort würdigt der bekannte amerikanische Gestalttherapeut und Verleger Gordon Wheeler Judith R. Browns vorliegendes Buch als richtungsweisendes für eine narrative, also mit Erzählungen und Märchen arbeitende Therapie aus Gestaltperspektive.

Wir freuen uns, die erweiterte Neuauflage dieses schönen Buches in unserer Edition des Gestalt-Instituts Köln/GIK Bildungswerkstatt im Peter Hammer Verlag veröffentlichen zu können. Nicht zuletzt deshalb, weil uns »erzählte Gestalttherapie« besonders am Herzen liegt. Denn auf diese »erzählende« Weise können in der Gestalttherapie gemachte Erfahrungen am besten weitervermittelt werden.

Wir wünschen Ihnen viel Freude bei der Lektüre - und viele neue Erfahrungen für den Weg zu Zweit.

Köln, im Februar 2004

Anke und Erhard Doubrawa

Gestalt-Institut Köln/GIK Bildungswerkstatt

 

Leseprobe II:

Vorwort der Autorin

Zur amerikanischen Ausgabe

Wenn wir uns in einem Jahrmarktsspiegel sehen, erkennen wir uns wieder, wie verzerrt auch immer das Bild ist. Künstler haben uns tatsächlich gelehrt, dass Übertreibungen und Verzerrungen uns helfen können, die Wirklichkeit zu entdecken. In dieser Sammlung verwende ich einige Ehepaare aus Märchen als Vergrößerungsgläser, die uns durch die in Märchen übliche Übertreibung helfen, uns selbst und unser Verhalten in unseren Ehen zu erkennen.

Das Wort »Ehe« wird benutzt, um alle intimen, fortdauernden Beziehungen zwischen Erwachsenen zu bezeichnen. Die Bezeichnungen »(Ehe)Mann« und »(Ehe)Frau« werden aus Gründen der Verständlichkeit verwendet, aber sie können sich auch auf das Verhalten des Partners vom jeweils anderen Geschlecht beziehen.

Wie die Oberfläche in einem Verzerrungsglas nicht ein genaues Abbild von uns liefert, so sind diese Märchencharaktere nicht dazu da, als Repräsentanten des wahren Lebens zu dienen, sondern als hervorgehobene Beispiele für Verhaltensweisen, die wir alle in unterschiedlichem Maße in verschiedenen Situationen aus unserer Erfahrung kennen.

Märchen haben unsere Träume genährt und versorgen uns mit romantischen Fantasien über die Ehe. Wir haben alle mit der Muttermilch solche Illusionen eingesogen wie »eines Tages kommt mein Prinz«, und »sie lebten glücklich und zufrieden«. Nun lassen Sie uns die Märchen auf einer anderen Ebene anschauen, nämlich als Widerspiegelungen der Wirklichkeit. Vielleicht können wir mit ihrer Hilfe von unseren übermäßigen Erwartungen an uns selbst und unsere Partner ablassen und neue Wege lernen, uns wahrhaft aufeinander einzulassen. Mit neuem Gewahrsein und einigen Anstrengungen könnten unsere Träume von einem reichen, erfüllten Eheleben eines Tages wahr werden.

Zur deutschen Ausgabe

Zwei Menschen, die zusammenleben, werden in jeder Phase ihrer Zweisamkeit vor Probleme und Konflikte gestellt, die unausweichlich entstehen, wenn zwei Menschen Tisch und Bett teilen. In den alten Märchen und Legenden, auf die ich mich in diesem Buch beziehe, erfahren wir von den Konflikten zwischen Eheleuten; und das tönt auch in unserer heutigen Zeit noch sehr vertraut: Wessen Arbeit und Beitrag ist wichtiger? Wer trifft welche Entscheidungen? Wer muss was für wen tun? Wir erkennen, dass diese entweder stillschweigend oder laut zum Ausdruck gebrachten Machtkämpfe in den Märchen genau so vorkommen wie in unseren Städten und Dörfern, ja sogar unter unserem eigenen Dach.

In unserem gegenseitigen Versuch, unseren Partner zu verändern, diesen anderen Menschen umzuformen, bis er in unsere Vorstellung passt, neigen wir dazu, unseren Sinn für Humor, unsere Großzügigkeit und unseren guten Willen - diese so notwendigen Zutaten für ein Freude und Wärme spendendes Leben zu zweit - zu verlieren.

Im Gegensatz zu den Märchenpaaren, deren Schicksal sie dazu bestimmt, ihre gewohnheitsmäßigen, oft destruktiven, gegenseitigen Verhaltensmuster ständig zu wiederholen, können wir unsere Beziehungen immer aufs Neue gestalten. Gerade jetzt, wo das Interesse für langfristige und ernsthafte Bindungen und Ehen gegenüber den unverbindlicheren Beziehungen mit dem »Spielgefährten« wieder sehr viel stärker geworden ist, suchen viele Menschen nach Möglichkeiten, ihr Zusammenleben zu vertiefen. Sie suchen nach Wegen, ihre Beziehungen so aufzubauen, dass sie all die Zeiten und Gelegenheiten des Auseinanderlebens überdauern, in denen sich jeder in eine andere Richtung hingezogen fühlt.

Ich hoffe, dass dieses Buch den Menschen, die ihre Aufmerksamkeit auf das richten, was sie gemeinsam tun und erleben können, und Energie und Zeit darauf verwenden, für sich und den anderen etwas Besonderes zu schaffen, Unterstützung und Anregung vermitteln wird.

Zur Beachtung: Es soll sich keine Missachtung darin ausdrücken, dass aus Gründen der leichteren Lesbarkeit in diesem Text durchgehend das männliche Personalpronomen benutzt wird.

 

Leseprobe III:

Der Fischer und seine Frau

Es war einmal ein Fischer, der lebte mit seiner Frau in einem Pisspott nahe dem Meer. Der Fischer ging jeden Tag zum Fischen. Eines Tages saß er mit seiner Angel am Strand und schaute auf die glitzernden Wellen und achtete auf die Leine, als plötzlich der Schwimmer tief hinunter in die Flut gezogen wurde, und als er daran zog, holte er einen großen Fisch heraus. Der Fisch aber sagte: »Ich flehe dich an, lass mich leben! Ich bin in Wirklichkeit gar kein Fisch. Ich bin ein verzauberter Prinz, wirf mich wieder ins Wasser und lass mich frei.«

»Oho!«, sagte der Mann, »du brauchst nicht so viele Worte machen, mit einem Fisch, der reden kann, will ich nichts zu tun haben, so schwimmt nur fort, mein Herr, wie es Ihnen beliebt.«

Dann gab er ihn dem Wasser zurück, und der Fisch schoss gleich zum Grund und hinterließ eine lange Blutspur in den Wellen.

Als der Fischer zu seiner Frau nach Hause in den Pisspott kam, erzählte er ihr, dass er einen großen Fisch gefangen hatte, und wie der ihm gesagt hatte, dass er ein verwunschener Prinz sei, und wie er ihn, als er hörte, dass er sprach, wieder losgelassen hatte.

»Hast du ihn denn um nichts gebeten?«, fragte die Frau.

»Nein«, sagte der Mann, »worum hätte ich denn bitten sollen?«

»Ach«, sagte die Frau, »wir leben doch hier so kümmerlich, in diesem grässlichen, schmutzigen Pisspott, geh zurück und sag dem Fisch, dass wir uns ein hübsches kleines Häuschen wünschen.«

Dem Fischer gefiel das zwar wenig, doch ging er an den Strand, und als er dort ankam, war das ganze Wasser gelb und grün. Und er stellte sich ans Ufer und rief:

 

»Mantje, Mantje, Timpe Tee,

Buttje, Buttje in der See!

Meine Frau, die Ilsebill,

will nicht so, wie ich wohl will.«

 

Da kam der Fisch herbeigeschwommen und fragte: »Was will sie denn? Was will deine Frau denn?«

»Ach«, meinte der Fischer, »sie sagte, dass ich dich, nachdem ich dich gefangen hatte, um etwas hätte bitten sollen, bevor ich dich wieder freiließ; sie will nicht mehr in dem Pisspott wohnen und möchte ein hübsches kleines Häuschen.«

»Geh schon heim«, sagte der Fisch, »sie sitzt schon drin!« Da ging der Mann nach Hause und fand seine Frau an der Tür einer schmucken kleinen Hütte.

Nun, es dauert nicht lange, da ist die Frau mit der Hütte unzufrieden. Sie wünscht sich ein großes Schloss und bekommt es auch. Dann will sie natürlich König werden, dann Kaiser, dann Papst. Bei jedem Wunsch wird die See dunkler und drohender, und der Fischer fürchtet sich immer mehr. Schließlich will die Frau Herr über Sonne und Mond werden.

 

»Ach, Frau, hast du nicht genug damit, Papst zu sein?«, fragte er.

»Nein«, sagte sie, »solange Sonne und Mond ohne meinen Willen aufgehen, fühle ich mich unwohl. Geh sofort zum Fisch!«

Zitternd vor Angst ging der Mann los, und als er zum Strand kam, erhob sich ein furchtbarer Sturm, dass die Bäume sich bogen und die Felsen erzitterten. Und der ganze Himmel überzog sich mit schwarzen Sturmwolken, und die Blitze zuckten und der Donner rollte; und ihr hättet auch große, schwarze Wogen im Meer sehen können, die wie Berge anschwollen und auf ihren Kämmen weiße Schaumkronen trugen. Und der Fischer kroch zum Strand und rief, so laut er konnte:

 

»Mantje, Mantje, Timpe Tee,

Buttje, Buttje in der See!

Meine Frau, die Ilsebill,

will nicht so, wie ich wohl will!«

 

»Was will sie denn jetzt?«, fragte der Fisch.

»Ach«, sagte er, »sie will Herr über Sonne und Mond werden.«

»Geh nach Haus«, sagte der Fisch, »sie sitzt wieder im Pisspott.«

Und dort leben sie noch heute.

 

Hier begegnen wir einer äußerst fordernden Frau, die sich mit einem Mann zusammengetan hat, der voller Nachsicht ihr gegenüber ist - auf den ersten Blick eine hervorragende Kombination, bei genauerem Hinsehen entdecken wir aber zwei frustrierte Menschen, von denen keiner bekommt, was er möchte. Die Frau hat von ihren wahren Wünschen wahrhaftig keine Vorstellung. Jede ihrer Launen soll sofort befriedigt werden, doch alles, was sie bekommt, gibt ihr nur vorübergehende Befriedigung. Sie ist unfähig, sich an dem, was sie hat, zu erfreuen, und ist vollständig damit beschäftigt zu überlegen, was sie noch brauchen könnte. Besessen von ihrer Gier, ist sie zu einem schalen, nutzlosen Leben voller Unzufriedenheit verdammt. Dieser Menschentyp lebt sein Leben, ohne dass er die, die um ihn sind, ihre Bedürfnisse, Gefühle und Wünsche, wahrnimmt. Sie ist in ihrer Selbstzentriertheit wie ein Kind, das lediglich die Worte »Ich will« gelernt hat.

Die Fischersfrau hat die Vorstellung, dass ihre Leere durch materielle Güter und Macht erfüllt werden kann. Also verlangt sie danach. Andere Frauen dieses Typs glauben, dass sie zufrieden wären, wenn sie nur mehr Freiheit oder mehr Zuwendung oder mehr Zuneigung oder mehr Kontrolle über das Benehmen ihres Mannes haben könnten. Solche Menschen sind unglücklicherweise unersättlich. Jeder Wunsch bekommt, wenn er erfüllt ist, augenblicklich Junge, und jedes Mal lockt die Frau mit dem stillschweigenden Versprechen, das sie wie einen Apfel auf einem Stab vor sich herschwenkt, dass sie, wenn nur dieser letzte Wunsch noch erfüllt ist, ganz glücklich sein wird. Und wenn sie glücklich ist, kann ihr Mann erwarten, dass sie sich um seine Wünsche kümmert, die sie bis dahin entweder nicht wahrgenommen oder hartnäckig ignoriert hat.

Die Fischersfrau macht mit ihren Forderungen großen Lärm. Er braucht, um herauszufinden, wie das Geschenk, die Umstände oder die Unternehmung auszusehen haben, die seine Frau endgültig zufriedenstellen werden, keine Ratespiele auszuführen. Andere Männer, die keine so klaren Anweisungen erhalten, sind in ihren Bemühungen, Freude zu machen, ständig frustriert. Sie versuchen eins nach dem anderen, und ihre Frauen sitzen nur da und warten, dass sie es falsch machen. Durch diese Form von Manipulation kann eine Frau die totale Kontrolle über ihren Mann besitzen, indem sie ihre Gunst gerade nur so oft verteilt, wie sie Köder in der Falle braucht.

Die Frau in dieser Geschichte wird nicht zulassen, dass ihre Befehle nicht ausgeführt werden. Eigentlich mag der Fischer nicht zu dem Fisch gehen und immer wieder um seine Gunst bitten, aber hat er denn eine Wahl? Er kennt seine Frau. Er weiß, dass er keinen Frieden haben wird, dass sie ihm keine Ruhe lassen wird, bis er ihr Gebot erfüllt. Er mag wohl etwas einwenden, Vernunftgründe anbringen, Ersatz anbieten, doch sie hat eine fixe Idee, eine Absicht, die solche Ausmaße annimmt, dass jedes Maß verlorengeht. Solche Frauen sind Experten in emotionaler Erpressung. Sie wissen alles aus ihren Männern herauszupressen. Manche stellen laute Forderungen, wie die Fischersfrau; manche sitzen nur da und schmollen; manche verweigern sich im Bett; manche quengeln nur boshaft oder leise. Das Ergebnis ist immer dasselbe. Die Männer lassen zu, dass sie in die Lage versetzt werden, wo sie für das Glück ihrer Frauen überverantwortlich sind. Es braucht nicht erwähnt zu werden, dass die Situation oft auch umgekehrt ist, mit einem fordernden Mann, der nicht zufrieden ist, ganz gleich, wie sehr seine Frau ihm auch aufwartet.

Welcher Art ist nun ein Mann, der diese undankbare Aufgabe, diese lebenslängliche Herausforderung, annimmt, eine gierige, ehrgeizige und unersättliche Frau zufrieden zu stellen? Es ist der Mann, der mehr als alles andere den Zuspruch braucht, der von einem Klaps auf die Schulter kommt und heißt: »Das hast du gut gemacht, du hast deine Wünsche hintangestellt, du hast mir Freude gemacht. Nun hab ich dich lieb.« Unser Fischer erhält diese Zustimmung unglücklicherweise nie. Sein tiefes Verlangen nach Bestätigung ist von der ständigen Furcht vor Missbilligung begleitet, sodass er gegen das eigene bessere Wissen und gegen das eigene Bewusstsein handelt, nur um der schlechten Laune der Frau zu entgehen. So nimmt der Fischer es eher mit dem wütenden, aufgewühlten Meer auf und stellt die gewaltigen Ansprüche an den Fisch, als dass er zu seiner Frau »Nein!« sagt. Wie wir sehen, mangelt es ihm an Willen und Selbstbehauptung. All seine Aktionen sind darauf ausgerichtet, die Bestätigung zu erhalten, die vielleicht eines Tages, so hofft er, von seiner Frau kommen wird. So hat er keine eigene Kraft. Er kann keinen eigenen Standpunkt einnehmen.

Der Fischer und seine Frau haben eine stillschweigende, vertragliche Übereinkunft, die man so formulieren könnte: Seine Wünsche treten hinter den ihren zurück; er muss ihren Forderungen nachkommen; er bleibt ein Mann ohne Rückgrat, bemüht, die Liebe und Wertschätzung seiner Frau zu erhalten, dafür drückt er sich davor, Verantwortung für das eigene Tun zu übernehmen. Der Fischer und seine Frau haben Rollen, wie sie auch in anderen Märchen vorkommen; sie richten sich alle nach stillschweigenden Übereinkünften.

Solche Übereinkünfte sind für alle Beziehungen typisch. Tatsächlich haben manche Therapeuten und Eheberater sogar damit experimentiert und diese Abmachungen durch ausgesprochene Kontrakte offengelegt, um das Geben und Nehmen, das in einer intimen Verbindung notwendig ist, zu erleichtern. Eine Frau verlangt zum Beispiel, dass ihr Mann, wenn er von der Arbeit kommt, für eine gewisse Zeit mit ihr spricht. Der Mann ist einverstanden, vorausgesetzt, dass seine Frau zweimal in der Woche mit ihm schläft. Wie mögen die Art der Unterhaltung und der Sex wohl aussehen, die aus einer abgeschlossenen Vereinbarung resultieren? Die Chance ist gering, dass solche Kontrakte zu einem lebendigen, wechselseitig befriedigenden Zusammenspiel führen oder den Weg zu neuen und anders gearteten Verhaltensweisen freimachen. Es scheint eher wahrscheinlich, dass sich ein Muster entwickelt, bei dem dem anderen etwas vorenthalten wird, denn selbst wenn man über Tätigkeiten Vereinbarungen treffen kann, so kann man Gefühle sicher nicht unter Kontrakt nehmen.

Das hörte ich am Strand:

 

Ältere Frau: »Was hast du gestern abend für John gekocht?«

Die jüngere Frau beschreibt ausführlich ein köstliches Essen.

Ältere Frau: »Hat es ihm geschmeckt?«

Jüngere Frau: »Ich musste ihn richtig ausquetschen. ›Schmeckt es dir? Schmeckt es dir? Schmeckt es dir?‹ - ›Hm.‹ Und das erste, was er heute morgen sagte, war: ›Was gibt's heute abend zu essen?‹ Da hab ich gesagt: ›Leck mich. Ich koche nicht mehr für dich. Du schätzt es überhaupt nicht.‹«

 

Für sie lautet der Arbeitskontrakt: »Ich koche dir dein Essen. Du musst zeigen, dass du meine Mühe schätzt.« Unglücklicherweise besteht für dieses Paar hier eine einseitige Übereinkunft, über die der Mann nicht informiert worden ist.

Ein Teil des gemeinsamen Lebens- und Wachstumsprozesses liegt darin, das, was wir von uns und unserem Partner wollen, auszusprechen. Ein gutes Verständnis muss Ausdruck zunehmender Bewusstheit unserer selbst, des anderen und der sich wandelnden Situation sein. Wir sind komplizierte Individuen mit widersprüchlichen Bedürfnissen und Wünschen. Wir bringen Doppelbotschaften: »Ich möchte mich bei dir anlehnen. Ich möchte unabhängig sein.« - »Ich möchte nur dich lieben. Ich will frei sein, auch andere zu lieben.«

Unsere Botschaften sind so unbeständig, weil unsere Gefühle so unbeständig sind. Manche unserer Bedürfnisse liegen unterhalb der Bewusstseinsschwelle. Verborgene Sehnsüchte und Wünsche, die man niemals aussprechen könnte, kommen aus einer begrabenen Vergangenheit. Sie sind dem Zugriff unseres Bewusstseins entzogen, können unser Tun, unsere Worte und unsere Enttäuschungen aber mächtig beeinflussen. Ein Mensch mag das Verlangen, geliebt und geschätzt zu werden, wohl wahrnehmen und doch gleichzeitig den unterdrückten inneren Drang nach Bestrafung vergessen haben. Vielleicht leidet der Fischer an dieser Ambivalenz.

Die innere Ambivalenz ist schon verwirrend genug. Mit einem solchen Partner zu leben, kann zur schieren Tortur werden. Betrachten wir einmal den Fall von Hans, einem Mann, der darauf besteht, Polly zu heiraten. Dann geht er vier Monate auf eine Geschäftsreise nach Europa. Er schreibt wiederholt und fleht sie an, ihm doch zu schreiben, gibt aber nie eine Adresse an. Er behauptet, dass er sie bei sich haben will, macht es aber nie möglich. Sie ist durch seine glühenden Briefe ohne Rückadresse anhaltend verwirrt. Macht er ihr nur »etwas vor«? Nein, er ist zwiegespalten, und das teilt er ihr mit. Für die eine Seite übernimmt er Verantwortung und drückt sie offen aus; die andere versteht sich durch seine Nachlässigkeit von selbst.

Häufig sind uns die Kontrakte, mit denen wir leben, so lange nicht bewusst, bis wir enttäuscht werden. »Ich habe dich geheiratet, weil ich gern Gesellschaft habe, und nun bist du nie zu Hause.« - »Ich habe deine Eltern unterstützt, als es ihnen schlecht ging, und nun willst du nicht mal, dass meine Mutter uns besucht.« - »Ich habe mich nie beklagt, wenn du Überstunden gemacht hast. Warum schimpfst du nun, wenn ich nur einen Samstagvormittag arbeiten will?« - »Letztes Jahr bin ich mit dir Angeln gegangen, ich dachte, dieses Jahr kommst du mit mir in die Stadt.« - »Ich biete dir immer eine Rückenmassage an, du massierst meinen Rücken nie.« - »Als Kind war ich sehr unglücklich. Ich dachte, wenn ich dich heirate, wird alles gut.« (Übertragen heißt das, dass du für meine unglückliche Kindheit aufkommen musst.) Ohne dass wir dem anderen Menschen jemals sagen, was wir erwarten, glauben wir, dass wir für das, was wir tun, einen Ausgleich bekommen. Wir begleichen unseren Teil des Handels, unser Partner tut das aber nicht. Er weiß noch nicht einmal, dass es einen Handel gibt!

Der Kontrakt des Fischers mit seiner Frau beinhaltet, dass er keine Stellung bezieht. Bevor er das tun kann, muss er ein sicheres Gefühl seiner selbst, seines »Ich«, seiner Identität haben. »Ich will.« - »Ich meine.« - »Ich fühle.« - »Ich bin ein wichtiger Mensch.« Dann wird er langsam die eigenen soliden Fundamente entdecken, sodass er am Ende buchstäblich auf den eigenen Beinen stehen, diese Stellung annehmen kann und sagt: »Hier stehe ich.«

Hört er einmal die Worte, die der Fischer bei seiner Frage an den Fisch benutzte: »Meine Frau Ilsebill will ihren Willen haben und hat mich geschickt, deinen Segen zu holen.« Er erfüllt die Bitten seiner Frau. Für das eigene Tun übernimmt er keine Verantwortung. So kann man ihm keinen Vorwurf machen. Bei Männern, die einen Raub oder andere Verbrechen begehen, finden wir dieses Verhalten häufig. Wenn man sie fragt, sagen sie oft, dass ihre Frau ein schöneres Haus, einen Pelzmantel oder eine Reise wollte. Der Satz »Hinter jedem großen Mann steckt eine Frau« bezieht sich auf das gleiche Phänomen. Manche Männer werden durch den Ehrgeiz ihrer Frauen zum Erfolg getrieben, manche in die Schande.

Der Fischer und seine Frau sind in einer tragischen Lage. Sie segeln durch felsiges Gewässer, und die Aussicht, dass sie jemals eine harmonische, befriedigende Beziehung haben werden, scheint hoffnungslos. Und doch ist man versucht, sie in ihrem Leben einen Moment aufzuhalten, um ihnen zu helfen, das, was sie sich und einander antun, zu erleben. Sie könnten so aus ihrem Alptraumdasein erwachen und eine Welt entdecken, in der es Alternativen und für beide befriedigende Wege gibt, wie man miteinander umgehen kann.

Nachdem der Zauberfisch den ersten Wunsch erfüllt hat, befindet sich das Paar in einer gemütlichen Hütte mit einem Garten und Obstbäumen. Die Frau langweilt sich schnell und will mehr. Wir wollen die Szene an dieser Stelle noch einmal aufnehmen. Der Fischer ist beharrlich. Nein, er wird den Fisch um nichts mehr bitten. Er wird die stillschweigende Vereinbarung nicht mehr einhalten. Soll seine Frau doch einen Koller bekommen, quengeln oder ihn ignorieren, er wird nicht nachgeben.

Damit tut er beiden einen Gefallen. In dem Augenblick entdeckt er seine eigene Identität. Indem er sich weigert, sich weiter von den kindischen Manövern seiner Frau manipulieren zu lassen, kann er sie so weit frustrieren, dass sie vielleicht den Weg der eingefahrenen Reaktionen verlässt und den schwierigen, aber aufregenden in Richtung Wachstum und Veränderung einschlägt. In diesem Augenblick der Frustration könnte sie natürlich auch entscheiden, sich einen anderen Fischer zu suchen, der leichter zu gängeln ist. Der Fischer geht dieses Risiko ein.

Malen wir es uns weiter aus. Die Frau wird stutzig. Wie kann sie denn nun ihren Mann manipulieren? Wie bekommt sie nun ihren Willen? Ihr Mann ist auf einmal ganz anders. Und wenn sie ihn betrachtet, ist er ein anderer Mann. Sie sieht jemanden, der sie wahrnimmt, der sie mag. Wenn er sie aber mag, warum bittet er den Fisch dann nicht um das Schloss? Weil er sich selbst eben auch mag, einschließlich seiner Werte, seiner moralischen Grundsätze und seines Gewissens.

Jetzt hat sie die Gelegenheit, die eigene Frustration zu erfahren, anstatt sich wie wahnsinnig in irgendwelche Aktivitäten oder Planungen zu stürzen. Diese Frustration so gründlich zu erleiden, bedeutet, dass sie einer beängstigenden und überwältigenden Leere entgegentreten muss. Auf einmal sieht sie sich mit den Grundfragen des Lebens konfrontiert: Wer bin ich? Wo bin ich? Was ist der Sinn des Lebens? Jahrhundertelang haben Philosophen, Dichter und Theologen mit diesen Fragen gerungen. Hat unsere arme Fischersfrau überhaupt eine Chance, damit fertig zu werden? Allein die Tatsache, der Leere zu begegnen, zwingt sie zu erkennen, dass jene kein Behälter ist, den man immer weiter mit einer Flut von Besitztümern und Macht füllen muss, sondern ein menschlicher Zustand, den wir in gewisser Weise miteinander teilen. Ihre Welt wird einer Landschaft vergleichbar, die im Nebel versunken ist. Nun hebt sich der Dunst langsam, und sie hat die Chance, sich selbst, ihren Mann, das Haus und den Garten zu entdecken. Die Leere, die sie ohne den Versuch, sie zu füllen oder zu bekämpfen, erkannt hat, wird sich in dem Maße verkleinern, je mehr sie sich wirklich auf das Leben einlässt.

 

Fragen zu Kapitel 4

  • Hast du mit Ilsebill etwas gemeinsam? Oder mit dem Fischer?
  • Wolltest du jemals etwas sehr gern haben, bekamst es dann und warst enttäuscht? Wann war das?
  • Wann hast du das letzte Mal auf eine Bitte deines Partners »Nein« gesagt? War das schwierig? Meintest du, dich entschuldigen zu müssen?

 

Wahrnehmungsübung zu Kapitel 4

  • Jeder macht eine Liste von drei Dingen, um die ihr den Zauberfisch bitten wollt. Sagt nichts davon und zeigt einander die Liste nicht.
  • Wenn jeder seine Liste vollständig hat, ratet, welche drei Dinge sich wohl auf der Liste des anderen befinden. (Es macht nichts, wenn ihr falsch ratet. Dann geht über zum nächsten Teil.)
  • Nachdem ihr dann geraten habt, tauscht die Listen aus und sprecht über die Wünsche. Vermeidet »Warum«-Fragen. (Zum Beispiel: Warum willst du denn einen Avokadogarten? Wie du weißt, erkranken Avokadobäume leicht.)

 

Fragen zum Wahrgenommenen

  • Habt ihr, als ihr eure Listen geraten habt, irgend etwas richtig erraten?
  • Hat es dich interessiert, die Wünsche deines Partners zu hören?
  • Erlebtest du die Wünsche deines Partners als Forderungen, wonach du irgendwie handeln musst?
  • Fühltest du dich schuldig, abwehrend oder glücklich, als du die Wünsche des anderen hörtest?
  • Konntet ihr über eure Gefühle sprechen?
  • Vermeidet zu argumentieren. Hört einander einfach zu und teilt euch mit.

 

 

  Praxisadressen von Gestalttherapeuten/-innen

 Foto: Judith R. Brown

Judith R. Brown

Sie ist Gestalttherapeutin, Schriftstellerin und Ausbilderin für Psychotherapeuten. Für ihre Arbeit mit Paaren ist sie international bekannt. Ihr Hauptinteresse gilt den menschlichen Beziehungen. Sie lebt in S. Barbara, Kalifornien, mit ihrem Mann George I. Brown, ebenfalls Psychotherapeut. Die beiden haben vier inzwischen erwachsene Kinder.

Judith R. Brown
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